„ESG versus schneller Taler: Quick&Dirty kann jeder. Andauernd, nachhaltig und substanziell beherrschen aber nur Wenige“


Die Drei Erkenntnisse des Abends
 

1. Erkenntnis: News-Portal und Definitionen Nachhaltigkeit – ESG:

 

Zu Beginn wird auf das News-Portal der Frankfurt School of Finance empfohlen:

https://businessdiplomacy.today/
 

Der Begriff der „Nachhaltigkeit“ stammt in Deutschland aus der Fortwirtschaft von 1713: nur so viel Holz verbrauchen, wie nachwachsen kann. Im Englischen deutet „Sustainability“ auf die Frage, welchen Verbrauch die Erde „aushalten kann“. 1989 haben die Vereinten Nationen sich den ethischen Codex gegeben, der danach fragt, wie die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation so maßvoll befriedigt werden können, um auch nachfolgenden Generationen ein gutes Leben zu ermöglichen: ESG, „Ecology, Social and Governance“ im Sinne von „planet, people and profit“.
 

Der Bericht „Global 2000“ von Jimmy Carter wird genannt.

https://www.swr.de/swr2/wissen/archivradio/1981-global-2000-der-bericht-an-den-praesidenten-oekologiebewegung-100.html
 

Die Volks- und Raiffeisenbank versucht das Konzept sowohl durch finanzielle Investments in der Region zu praktizieren – 5 Mio. Euro an Krediten an Unternehmen und Institute 2023 – als auch Werte den Mitarbeitenden und den „Purpose“ des Genossenschaftswesens an die Azubis.

 

2. Erkenntnis: Die ESG-Diskussion und Brüsseler Vorgaben haben verschiedene, teils sich überschneidende Implikationen für Immobilienbesitzer, Unternehmer und Privatleute:


a) Immobilienbesitzer müssen sich die Frage der Nachhaltigkeit bestehender oder neuer Gebäude und deren Bewertung stellen. Eine Immobilie, die mindestens 50 Jahre lang gut hält, gilt als nachhaltig (gleicher Zeitraum Abschreibung möglich). Die Frage ist nach Baustoffen und handwerklicher Umsetzung. Wie lange hält der Leim, wie fest und reparabel ist der Beton? 80% der Bestandimmobilien in Deuschland sind vor 1980 gebaut. Bei der Brüsseler Kommission lag ein Entwurf vor, dass diese Gebäude die nächsten Jahre in einer Weise saniert werden müssen, damit sie mindestens Energie-Standard „E“ erreichen. Dies hält man für unbezahlbar, sodass die Verpflichtung mittlerweile verworfen wurde. Bei Neubauten kommen zu aktuell hohen Materialkosten, Fachkräftemangel und Inflation durch energetische Vorgaben mit Mehrkosten von bis zu 30% hinzu, was den Neubausektor lähmt. Vor 25 Jahren habe man 4-Meter-Reihenhäuser gebaut mit Treppenhaus in der Mitte, Küche, WC im Erdgeschoss und Schlafzimmer oben, was dann, wenn die Kinder ausziehen und die Eltern alt werden, zu Problemen, zu Verkauf oder Abriss führen kann. Wie viele Quadratmeter braucht ein Mensch zum Wohnen? Die Überlegung, durch Ausbau der Infrastruktur den ländlichen Raum zu fördern und die Verdichtung in der Großstadt zu bremsen, wird diskutiert, konkret sollte der RMV günstiger werden. Die Frankfurter Altstadt gilt als Vorbild für nachhaltiges Bauen, zwar sind gewisse Rohstoffe und Verwendungsweisen wissenschaftlich überholt, aber handwerklich sehr gut. Das Haus in der Sachsenhauser Schellgasse 8 ist ca. 700 Jahre alt und das älteste Gebäude in Frankfurt.
 

b) Unternehmer müssen ab 2026 einen ESG-Report in AI abliefern (Eu-Taxonomie usw.). Die Bafin hat Dezember 2022 ein Merkblatt publiziert zur Aufsicht an Finanzinstitute. Nun prüfen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften das Portfolio nach Nachhaltigkeitskriterien. Das bedeutet eine Kredit-Benachteiligung für braune und schwarze Industrien, die teurer werden und mehr Eigenkapital brauchen. Die gesamte Finanzdienstleistungsbranche wird zum Transmissionsriemen der Politik. Das Ziel eines Unternehmens sollte es nicht sein ZU GEWINNEN, sondern EWIG ZU EXISTIEREN.
 

c) Privatleute: Können sie sich ein nachhaltiges Leben leisten? Nachhaltig wäre es, sich rahmengenähte Schuhe für 800 Euro zu kaufen, die bis zu 30 Jahre halten – aber auch Deichmann-Schuhe kann man gut kaufen? Dr. Söhngen hat mit seinem Audi Diesel 130.000 Kilometer gefahren und würde das Auto gerne herunterfahren, wäre das nachhaltig – nachhaltiger, als sich als Geschäftsmann jede 2 Jahre neues Auto zuzulegen? Wenn man ein Dieselauto und ein E-Auto vergleicht wieviel Material recycelbar ist, dann wären es bei einem Dieselauto etwa 100 kg, bei einem E-Auto etwa 17 Tonnen, denn jedes Kilogramm verbrauchtes Benzin ist nicht recycelbar. Manche Leute, auch Jugendliche, fliegen gern um die Welt – und verbrauchen viel Ressourcen. Wenn man nun diese „Bewegungs-Freiheit“ umwandelt in die Freiheit, zwar an einem Ort zu bleiben, dabei aber auch den nachfolgenden Generationen die Umwelt zu erhalten, so haben wir die „Bleibe-Freiheit“.

Genannt wird auch die Schwierigkeit, dass ESG-Richtlinien noch sehr schwammig sind, so dass die Kreditgeber mit Unternehmen und Privatleuten wenig konkret werden. Hr. Schader ist in seinem Fall zu der Lösung gekommen, dass man Energieausweis und Postleitzahl als Information erbittet, damit man irgendwelche Kriterien und Beurteilungen nachweisen kann. Man wünscht sich konkrete Standards. Nachhaltigkeit korrelliert nicht mit hoher Bildung, eher mit Werten und Erfahrungen.

 

3. Erkenntnis: Deutschland vom Einser- zum Vierer-Kandidaten, Nachhaltigkeit als Luxus?


Nach 1945 sorgte die soziale Marktwirtschaft zu einem beachtlichen Boom in Deutschland, die Nachhaltigkeit wurde auch im Einigungsvertrag festgehalten. Im Jahr 2000 galt Deutschland als „kranker Mann“ Europas, man erinnert sich an damalige Diskussionen. Ähnliches findet man in der Gegenwart, z.B. was die vergleichbare Anzahl der Patente angeht, vom Einser- zum Dreier- oder gar Viererschüler. Beim näheren Betrachten von „S“ und „G“ stellt sich die Frage, wenn die Mobilitätswende teuer wird oder eingeschränkt wird, wenn Wohnen teurer wird, wenn Energie teurer wird, wenn nachhaltiges Essen teurer wird, wenn das Eigenheim tendenziell unerschwinglich wird – ob Nachhaltigkeit zum Luxus wird und ob die Masse der Menschen auch mitgenommen werden. Man muss der Gefahr begegnen, dass sich Menschengruppen fragwürdigen bis gefährlichen Gruppen oder Bewegungen zuwenden, weil sie sich im Alltag mit Herausforderungen konfrontiert sehen, die sie im ersten Moment überfordern.

 

Podium:

  • Prof. Dr. Christoph Schalast, Managing Partner- Schalast Law & Tax
  • Stephan M. Schader,  Vorstandsvorsitzender- VR Bank Dreieich-Offenbach eG
  • Ruediger „Rudy“ Vetter, Managing Partner- Ecovation LLC - Impact Marketing Advisory (Ex-CMO im DB Schenker Konzern) 
  • Dominik Mangelmann, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender Ausschuss für Umwelt, Stadtplanung und Verkehr der Stadt Offenbach
     

Unser Dank geht auch nochmal an die Frankfurt School of Finance für die zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten und Betreuung der Gäste.

Termin
22. Januar 2024, 19:30 Uhr
Veranstaltungsort
Frankfurt School of Finance
Adickesallee 32-34
60322 Frankfurt am Main
Hinweis
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