Zeitzeuge Bundesrepublik: Helmut Markwort


Die drei Erkenntnisse des Abends
 

1. Erkenntnis: Schönes – Fußball – und Schlimmes – Weltkrieg -: „Ich war der Neue! Ich musste mich in die fremde Gemeinschaft integrieren!“

Zu Beginn spielen Positives – Fußball – und Schlimmes – Weltkriegserfahrungen – eine Rolle. Er ist den Fußballvereinen FC München und SV Darmstadt verbunden. Würden beide antreten, würde er derjenigen Mannschaft mehr Punkte wünschen, die gerade im Hintertreffen ist, vermutlich Darmstadt. Bei der Beerdigung von Franz Beckenbauer traf er Altkanzler Gerhard Schröder, der in deutlicher räumlicher Distanz vom essenden Ex-Außenminister Joschka Fischer und die beiden wiederum in räumlicher Distanz von Otto Schilly saßen. Als er mit 6 Jahren lesen und rechnen konnte, las er sofort Zeitungen, um die Tonnagen im Weltkriegsgeschehen zu berechnen. Als der Krieg zu Ende war, genoss er Schokolade und Kaugummi der Amerikaner und wurde wegen seiner texanischen Englisch-Sprachkenntnisse als Dolmetscher in Schulen und bei Bauern eingesetzt, später auch als Grenzbeobachter. Als er 1947 von München nach Darmstadt zurückkehrte und dort in die Schule mit ihrer bestehenden Schülergemeinschaft als ganz Neuer eintrat, war seine Haltung: „Ich war der Neue! Ich musste mich in die fremde Gemeinschaft integrieren!“ Das klappte auch mit Theaterspielen, Fußball und der Schülerzeitung gut.

 

2. Erkenntnis: Erfahrungen und Einschätzung Journalismus damals und heute: „Fakten, Fakten, Fakten“ und guter Journalismus statt eingeengtem „Haltungsjournalismus“

1956 stieg er bei der Darmstädter Lokalzeitung ein, wurde gleich ins Rathaus geschickt und begegnete dort den katholischen Konservativen, gewerkschaftlich organisierten Sozis und dem Konditormeister Feng, einem Vertreter der Freidemokraten, deren Begriff der „Freiheit“ ihn immer begeisterte. Als Joschka Fischer und seine Leute 1968er Steine warfen, da entschied er sich, FDP-Mitglied als „liberaler 68er“ zu werden. Die Affäre um einen abgestürzten Starfighter, zu dem ihm von vielen geschützten Quellen Informationen erreichten und die zu einer Sternstunde als „Stern“-Redakteur wurde, brachte ihm ein Hausverbot im Verteidigungsministerium ein. Versuche, neben dem SPIEGEL ein zweites Journal dieses Formats einzuführen, seien 50-mal gescheitert.

Er wollte das auch, habe nicht nur die Unterstützung von Burda gegen viele Widerstände, sondern auch in der bei der „Newsweek“ in New York die der aufgeschlossenen Amerikaner erhalten, und so entstand 1991 der „Fokus“ mit dem Label „Fakten, Fakten, Fakten“, der sofort ein großer Erfolg wurde – die „öffentliche Meinung“ für eine Konkurrenz habe über die „veröffentlichte Meinung“ der Konkurrenz gesiegt. Fakten, Fakten, Fakten seien M. Wichtig, denn er beobachte, dass viele Journalisten sich in Cliquen aufhielten, auf Pressekonferenzen, Preview-Events usw. und sich gegenseitig beäugten, anstatt für die Leser zu schreiben. Heute sei die Lage im Journalismus vor allem für Jüngere schwierig wegen Unsicherheiten und niedriger Bezahlung.

Beim guten Journalismus sei viel Neugierde und Recherche wichtig, gutes Schreiben, aber auch ein Netzwerk und Diskretion. Es gebe den 1-2-3-Code:

1) Der Journalist darf über die Information schreiben und seine Quelle (Politiker, Unternehmer usw.) nennen,

2) Er darf schreiben, müsse die Quelle verschweigen,

3) Er dürfe die Info haben, aber nicht darüber schreiben. Bedauerlich findet er den zunehmenden „Haltungsjournalismus“, vertreten u.a. durch Monitor-Redakteur Georg Restle. M. bedauert, dass alle Printzeitungen wie Spiegel, Stern, FAZ, SZ usw. unter starkem Auflagenschwund leiden. Stattdessen würde das eher oberflächliche Online-Gebot zunehmen, und Gegenmeinungen finde man häufig nur bei den alternativen Medien wie unter anderen „Tichys“, „Reitschuster“, „Henryk M. Broder“, Gabor Steingart. 

 

3. Erkenntnis: Erfahrungen mit Politik damals und heute: Bitte Unternehmergeist und Demokratie fördern!

Er würde sich wünschen, dass Minister Robert Habeck nicht nur Klimaminister wäre, sondern auch mehr Wirtschaftsminister. Wichtig sei, dass Selbständige und Kleinunternehmer mehr gefördert würden und nicht durch eine lähmende Bürokratie behindert werden; schlimm, wie viele Formulare man bei Eröffnung eines kleinen Friseurladens ausfüllen müsse. In Anbetracht des Fachkräftemangels eine 4-Tage-Arbeitswoche zu wünschen, halte er für unbegreiflich. Das Thema Klimaschutz sei zweifellos richtig, aber bei der Jugend beobachte er einen Zukunftspessimismus, den er bedauere. Umfragen an Unis hätten ergeben, dass ca. 50% der Studierenden nach dem Studium in den Staatsdienst gehen wollten. Er appelliere an die Bereitschaft, sich politisch demokratisch zu engagieren und sich ökonomisch produktiv mit Risikofreude und Unternehmergeist einzubringen!

 

Unser Dank geht auch nochmal an das gesamte Team von der Villa Rothschild für die zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten und Betreuung der Gäste.

 

 

Termin
07. Februar 2024, 19:30 Uhr
Veranstaltungsort
Villa Rothschild
Im Rothschildpark 1
61462 Königstein
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